Thursday, May 22, 2008

Die Geschichte des Vario Getriebes

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(Früh-)Geschichte des Fendt´schen Vario-Getriebes



Auszug aus der Dokumentation „Die schwere Kindheit des Vario-Getriebes
der Fa. X. Fendt & Co.“ von Prof. Dr. Heinrich Fendt, 2008


Eine Idee durchläuft drei Stadien:
- im ersten ist sie lächerlich,
- im zweiten undurchführbar,
- im dritten hat sie jeder schon gehabt.

Arthur Schopenhauer

Seit den 60-er Jahren arbeitete der 1936 in Marktoberdorf geborene Maschinenbautechniker Hans Marschall bei der Fa. X. Fendt & Co. am Konzept stufenloser hydrostatischer Traktorengetriebe. Von Anfang an war er mit Vorbehalten aus der Fachwelt sowie hausinternen Bedenken und Widerständen konfrontiert. Als Problem gesehen wurden insbesondere die Stabilität des Wirkungsgradverlaufs über einen genügend großen Regelbereich und vor allem im Volllastbereich, ein unausgewogenes Leistungs-gewicht sowie eine übermäßige Geräuschentwicklung stufenloser Getriebe. Gegen all diese Einwände kämpfte Marschall unbeirrt an und präsentierte 1973 ein technisch anspruchsvolles Konzept eines stufen-losen hydrostatisch-mechanischen Leistungsverzweigungsantriebes. Dieses Getriebekonzept wurde am 13.07.1973 als „hydrostatisch-mechanischer Antrieb für land- und bauwirtschaftlich genutzte Fahrzeuge“ von der Firma Xaver Fendt & Co. zum Patent DE 2335629 (1,1 MB) in München angemeldet: Erfinder Hans Marschall.

Es folgten Jahre langwieriger Versuche und stetiger Verbesserungen mit Versuchsgetrieben (firmeninterne Bezeichnung: TriStat) und zum Jahreswechsel 1981/82 lieferte Marschall schließlich einen Prototypen, der für viele der Kritiker „überraschend gut funktionierte“. Das TriStat-Getriebe hatte als Basis eine Schwenk-pumpe und zwei Schwenkmotoren, wobei damals nur Volvo-Hydraulikmaschinen mit sphärischen Kolben in Frage kamen, weil nur sie Schwenkwinkel bis 45° zuließen. Diese Maschinen erzielten Wirkungsgrade von bis zu 95% und Marschall reizte alles aus, was technisch möglich war, um diese Maschinen optimal in sein Getriebekonzept zu integrieren. So durchbohrte er Pumpenstößel und ordnete die beiden Hydro-Motoren gegenüberliegend so an, dass sich die innere Lagerreibung gegeneinander aufhob. Die Motoren liefen intern im Neutralzustand praktisch ohne Reibungsverlust. Dadurch ergaben sich für das Gesamtgetriebe trotz des hohen hydrostatischen Leistungsanteils beeindruckende Wirkungsgrade. Es folgte ein versuchs-weiser Einbau des TriStat in einen Schlepper und im direktem Leistungsvergleich mit einem FWA 285 S (Favorit 615 LS) zeigte der Antrieb seine ganze Überlegenheit. Das im Rahmen weiterer Prüfstand-versuche 1986 erstellte Zukraftvergleichsdiagramm belegt dies eindrucksvoll. Die Wirkungsgrade in den Fahrstufen 1 und 2 mit Fahrgeschwindigkeiten von 0 bis 36 km/h liegen stabil zwischen 86% und 87%.

Diese Ergebnisse wurden damals als geradezu spektakulär empfunden. Auch wird erzählt, dass der auf 300 PS ausgelegte Prüfstand im Fendt´schen Versuch dem Leistungsvolumen des Getriebes nicht mehr gewachsen war und "heiß" lief. Aber selbst diese überaus ermutigenden Testergebnisse führten nicht zu einer von Marschall so sehr ersehnten Aufnahme des revolutionären Antriebs in den Entwicklungsplan der Firma. Die im Hause X. Fendt für die Getriebeentwicklung verantwortlichen Abtei-lungsleiter mit ZF-Mindset setzten andere Prioritäten (P7-Getriebe, 3500er ZF-Getriebe) und waren von dem Konzept Marschall´s nicht zu überzeugen. Der damalige technische Direktor schickte die Konstruk-tionszeichnungen des TriStat zur Begutachtung gar an die ZF Friedrichshafen und an die TU Braunschweig und musste für diesen Geheimnisverrat umgehend seinen Hut nehmen. Mit ihrer organisatorischen Vernetzung auf der mittleren Führungsebene des Hauses X. Fendt übten die damaligen Akteure ihren fachlichen Einfluss auch auf Dr. Hermann Fendt aus, so dass das ursprünglich für die Favorit-Reihe bis 300PS vorgesehene TriStat-Getriebe schließlich in einer Holzkiste im Keller der Entwicklungsabteilung verschwand.

Beharrlich und nun völlig auf sich allein gestellt verfolgte Marchall sein visionäres Konzept weiter und kämpfte um Anerkennung und Unterstützung seiner Vorgesetzten und der Geschäftsleitung. So versuchte er 1980 über Dipl.-Kfm. Peter Fendt, dem ältesten Sohn von Dr. Hermann Fendt, Einfluss auf dessen Vater zu nehmen, um eine Aufnahme seines Getriebes in den offiziellen Entwicklungsplan zu erreichen. Das wurde von Dr. Hermann Fendt jedoch energisch abgelehnt. Zunächst sollte die 300er Serie Vorrang in der Entwicklung haben. 1981 zogen sich die Gebrüder Fendt aus der Geschäftsleitung zurück und der neu installierte Vorsitzende, Dr. Ahrens, ließ ein Dossier anlegen, in welchem ausführlich dargelegt wurde, weshalb das TriStat-Getriebe im Hause X. Fendt keine Zukunft haben wird.

Als Geschäftsführer der Fa. Schlang & Reichart holte Peter Fendt 1986 mit Christian Rummel einen jungen Entwicklungsingenieur der Fa. X. Fendt als Vertriebseiter und Prokuristen zu sich. Da Rummel die Fendt´schen Verhältnisse und auch die Blockadehaltung der FuE-Verantwortlichen gegenüber dem innovativen TriStat aus eigenem Erleben bestens kannte, reifte bei S&R der Gedanke, das TriStat Getriebe zusammen mit Marschall bis zur Serienreife zu entwickeln. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch aufgrund ungenügender finanzieller Mittel und des Risikos einer späteren Vermarktung. Außerdem fehlte jegliche Unterstützung seitens der Fa. X. Fendt, um auf deren Prüfständen gegebenenfalls Versuche durchführen zu können. So brachte Christian Rummel einen gesundheitlich bereits schwer angeschlagenen Hans Marschall mit Prof. Dr. Heinrich Fendt zusammen, der zu dieser Zeit als Pionier der Strategischen Patentanalyse, eines Data-Mining-Tools zur Früherkennung technischer Entwicklungsmuster und –trends, galt. Zuvor war er in leitender Position als Senior Consultant für Strategisches Technologiemanagement am Battelle-Institut (www.battelle.com) in Frankfurt beschäftigt. Prof. Fendt steht mit der Schlepper-Dynastie zwar in verwandtschaftlicher Beziehung, hatte jedoch mit der Fa. X. Fendt sonst keine weiteren Berührungen. Aufgrund seiner mit zahlreichen Veröffentlichungen (zB 1 2) zur Früherkennung von technischen Trends belegten Reputation war er jedoch für Marschall der ideale „Türöffner“ bei seinem Großonkel Dr. Hermann Fendt. Dies war auch die Hoffnung von Rummel, der mit Prof. Fendt viele Male über die ungenutzten Chancen in Bezug auf das Marschallgetriebe gesprochen hatte. Rummel war damals der festen Überzeugung, dass X. Fendt mit diesem Getriebekonzept längst zum größten Getriebehersteller Deutschlands hätte werden können.

Am 13. November 1986 führte Prof. Fendt mit Hans Marschall in dessen Haus ein längeres Gespräch über Entwicklungsstand und -potenzial des Getriebes. Zudem schilderte Marschall ausführlich das Widerstands-system im Hause Fendt sowie das Geflecht partikularer Einzelinteressen, in dem er seine Idee gefangen sah. Dies war nach seinen Schilderungen das Bollwerk, das es zu überwinden galt. Marschall übergab Prof. Fendt verschiedene Unterlagen (zB Zugkraftvergleichsdiagramm TriStat – FWA 285 S, ZF-Wirkungs-gradvergleiche unterschiedlicher Getriebe inkl. TriStat) für eigene Recherchen. Vor dem Hintergrund dieses Gesprächs führte Prof. Fendt eigene Patent- und Potenzialanalysen zu hydrostatisch-mechanischen Antrieben durch und fand das Entwicklungs- und Verwertungspotenzial bestätigt, das ihm auch schon Marschall und Rummel aufgezeigt hatten. Diese Einschätzung teilte er seinem Großonkel schriftlich Ende November 1986 mit und weckte dessen Interesse sowie die Bereitschaft zu vertiefenden Gesprächen.

Marktoberdorf, den 8. Dezember 1986

Lieber Heinz,

herzlichen Dank für Dein Schreiben mit Ausdrucken vom 30.11.86. Die Angelegenheit ist für mich sehr interessant und ich hoffe, mit Dir während der Weihnachtstage sprechen zu können.

Viele Grüße und alles Gute

Während der Weihnachtstage 1986 kam es zu den verabredeten Gesprächen. Prof. Fendt legte Hermann Fendt die Fortführung der Entwicklungsarbeiten nahe, obwohl er dessen ablehnende Haltung dazu kannte. Doch offensichtlich konnte er überzeugen, denn nur kurze Zeit nach dem letzten Gespräch am Neujahrstag 1987 wurde das Getriebe aus dem Keller der Entwicklungsabteilung geholt. Die vom damaligen Entwicklungschef Professor Stroppel bereits eingeleitete Aufgabe des Marschallpatents wegen fälliger Gebühren in Höhe von DM 2.000 konnte von Dr. Hermann Fendt noch rechtzeitig abgewendet werden.

Vehemente Gegner des TriStat in der Geschäftsleitung mutierten nach jahrelangem Widerstand 1987 in kürzester Zeit zu Befürwortern und auch die verantwortlichen Entwickler gaben ihre Blockadehaltung auf und wechselten das Lager. Das TriStat-Getriebe wurde zunächst an Marschall zur Weiterentwicklung übergeben. Dieser verstarb jedoch 53-jährig im Jahr 1989, so dass er sein Lebenswerk selbst nicht mehr vollenden konnte. Mit der Reaktivierung seiner Konzeptidee vollzog Fendt jedoch die entscheidende Kehrtwende. Stand bis dahin noch die Entwicklung von lastschaltbaren Stufengetrieben mit kaum mehr handhabbaren 48 Vor- und Rückwärtsgängen im Vordergrund Fendt´scher FuE-Aktivitäten, verlagerte sich der Schwerpunkt zu Beginn der 90er Jahre konsequent in Richtung stufenloser hydrostatisch-mechani-scher Leistungsverzweigungsgetriebe ohne zusätzliche Schaltstufen. Dabei setzten nicht nur die ersten Arbeiten von Reisch, Heindl und Meyerle auf der Konzeptidee von Marschall auf. Mit dem initiativen Eingriff von Dr. Hermann Fendt war auch der entscheidende Impuls für die unternehmerische Entscheidung zu Gunsten der Weiterentwicklung des Marschallgetriebes bis zur Serienreife erfolgt!

Nach der Neuausrichtung in den Jahren 1987/88 und dem sich abzeichnenden Durchbruch des hydrosta-tischen Fahrantriebs sonnten sich schnell viele Beteiligte, Unbeteiligte, aber auch die hartnäckigen Bremser und Blockierer im Glanz des Erfolges. Und dies lange bevor der Name von Marschall als der maßgebende Erfinder und visionäre Kopf in einer Firmenpublikation* gebührende Erwähnung fand. Nach über 30 Jahren seit Patentanmeldung war im Fendt Programm 2007 zu lesen: „Die Idee zu einem stufenlosen Antrieb mit Leistungsverzweigung gehen weit zurück. Seiner Zeit weit voraus, beschäftigte sich der Fendt-Entwicklungsingenieur Hans Marschall bereits in den 70er Jahren mit den ersten Konzeptideen. 1988 wurde dann die Entscheidung für die Entwicklung zur Serienreife getroffen“. Nicht erwähnt wird, dass Hans Marschall seiner Idee seine Gesundheit und wohl auch sein Leben geopfert hat. Ohne das Engagement und die unbändige Beharrlichkeit von Hans Marschall und ohne das finale Zutun von Professor Dr. Fendt hätte es im Hause Fendt vermutlich nie eine Variogetriebe-Entwicklung gegeben.

Tricone Bit